Schönheit und Glück im Karate

 "Karate reicht nur für ein kleines Glück."

"Die Schönheit im Karate liegt in der Zweckmäßigkeit der Techniken." 

Diese zwei Zitate meines geschätzten Senseis Risto Kiiskilä prägen seit vielen Jahren meinen Karate Do. Beließe man es bei diesen zwei Sätzen, könnte man ins Grübeln kommen, warum sich so viele Menschen tagein, tagaus mit unserer Kampfkunst (und anderen Kampfkünsten) beschäftigen - klingen die Worte nicht etwas trost- und glücklos?

Setzt man sich dann noch mit der Budo-Philosophie, die die Grundlage der japanischen (im weiteren Sinne auch: der asiatischen) Kampfkünste ist, kommen doch insgeheim Gedanken auf, ob das Praktizieren der Künste nur dem Durchleben verschiedenster Entbehrungen, Leiden und Schmerzen dient, der Ich-Aufgabe und der aufopfernden Demut. Dass dies alles Aspekte sind, durch die Budoka gestärkt und mit einem der Vollendung entgegenstrebenden Charakter hervor gehen, ist unbestritten. Woher aber jahre- oder jahrzehntelang die Kraft nehmen, auf dem Weg zu bleiben, wenn dieser eher steinig und karg ist und so wenig Glück und Schönes mit sich bringt? Macht Karate am Ende doch irgendwie "glücklich"? Gibt es da etwas Schönes oder Schönheit? Wenn ja, dann darf es, der Budo-Philosophie entsprechend, ganz sicher nicht Schönheit in einem rein oberflächlichen Sinn oder Glück im Sinne einer kurz und hoch aufflackernden Stichflamme sein. Meiner Meinung nach lohnt es sich, dieses Thema etwas näher zu erforschen. 

Begriff der Schönheit

Schönheit liegt bekanntlich im Auge der betrachtenden Person. Etwas Schönes ist im allgemeinen optisch ansprechend und angenehm. Praktisch gesehen ist etwas vielleicht "schön und gut". Seit Menschengedenken haben unzählige Philosoph*nnen und Wissenschaftler*innen mit Definitionen des Schönheitsbegriffs gerungen: Platon, Cicero, Einstein, Morgenstern, Kant, Hegel, Schiller und viele mehr - jedoch ließ sich bisher keine einheitliche Definition von Schönheit finden!

Was gibt es also "Schönes" im Karate, im Budo, im Kämpfen? Schönheit und Ästhetik im Karate können zunächst einmal angesichts der einheitlichen, sauberen, gepflegten Übungskleidung (Do-Gi) empfunden werden. Dies gilt vor allem, wenn viele Karateka gemeinsam in einem Raum üben - wie z.B. bei den Groß-Events Kata Spezial oder Gasshuku. Das ist schon beeindruckend und auch schön, diese Ästhetik der Gleichförmigkeit zu sehen, ggf. noch in Verbindung mit einheitlichen Übungsformen! 


Schönheit kann sich auch in der Gestaltung der Übungsstätte mit Attributen japanischer/asiatischer Kultur und Natur zeigen, oder einfach auch in der Ordnung und Schlichtheit der Dojo-Architektur. 

Dojo von Shihan Higaonna auf Okinawa, eigenes Foto

Auch die in Kampfkünsten gelebte Achtsamkeit, die gelebte Etikette, welche Höflichkeit und Respekt ausdrückt, kann als ästhetisch ansprechend empfunden werden. Natürlich wird auch die physische Ausübung der Kampfkunst, die Präzision geschulter, beweglicher und kraftvoller Körper von Zuschauenden als ästhetisch wahrgenommen. Besonders reizvoll stellt sich die Synchronität bei Kata-Team-Darbietungen dar. 

Fiona Rutz bei der Westdeutschen Meister*innenschaft 2024, Foto: Alexander Raitz von Frentz

Aber auch die Person selbst, die die Übungen ausführt, kann sich im Moment der Übung als schön empfinden, kann etwa eine tiefe Zufriedenheit über neue Lernerfolge oder die gelungene Ausführung einer Kata fühlen. Einen besonderen Effekt auf Zuschauende kann es bewirken, wenn die Kampfkünstler*innen in ihren Übungen in die Flow-Phase kommen. Das Phänomen des Flows (übersetzt etwa "fließen, strömen") bezeichnet nach dem Psychologen Mihály Csíkszentmihályi ein als beglückend erlebtes Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht (Csikszentmihalyi, "Flow - der Weg zum Glück"). 

Apropos - was ist eigentlich Glück?

Sehr niederschwellig könnte man zunächst annehmen, Glück sei die Abwesenheit von Unglück. Aber diese Definition klingt zu flau und fad. 

Glück kann nach Prof. Dr. Hubertus Busche der "Sechser im Lotto" sein - ein Zufallsglück, also Glück, das uns von außen zufällt. Zufallsglück ist unplanbar, man kann es nicht erzwingen. Das Gegenteil ist Pech oder Unglück. 

Daneben gibt es noch das Glücksgefühl, welches von innen erlebt wird und welches, wenn es lange andauert, zu Lebensfreude und Zufriedenheit wird. Dieses Glücksgefühl bedarf nicht unbedingt eines konkreten Anstoßes von außen. Es kann auch aus tief empfundener Dankbarkeit ergeben. 

Glück kann auch nach einem erlebten Erfolg empfunden werden. Für dieses Glücksgefühl muss man vorher arbeiten, ein Ziel anstreben. Dies ist die einzige Glücksform, die wir konkret beeinflussen können. Unsere Ziele erreichen wir nämlich umso eher, je mehr wir in unsere Fähigkeiten investieren, die nötig sind, um ein Ziel zu erreichen. Beispiel: hohe Trainingsintensität und -frequenz, wenn wir eine Gürtelprüfung bestehen oder erfolgreich an einem Wettkampf teilnehmen möchten. Weitere Infos zu diesen drei Glücks-Definitionen gibt es hier. 

Glücksforscher Martin Seligman ist der festen Ansicht, dass "Abkürzungen zum Glück", zur Freude, Begeisterung, zum Behagen und zur Ekstase nicht zuverlässig funktionieren. Vielmehr können positive Emotionen, kann Glück nur dann nachhaltig wirken, wenn wir parallel menschliche Stärken und auch Tugenden ausbauen (Seligmann, Der Glücksfaktor, S. 27f). Andernfalls könnte es passieren, dass wir "mitten im Überfluss seelisch verhungern". Positive Emotionen, die auf Dauer losgelöst sind von bewiesener Charakterstärke, führen zu "Leere, Mangel an Authentizität, Depressionen". An der Universität in Virginia wurde eine Studie durchgeführt zum Begriff der Erhobenheit ("elevation"). Es wurden Geschichten über Reaktionen gesammelt, die beim Betrachten guter Seiten von Menschen empfunden wurden, wenn man z.B. beobachtet, dass jemand außerordentlich hilfsbereit ist. Es war zunächst ganz erstaunlich, dass allein das Beobachten von Hilfsbereitschaft bei vielen der Proband*innen ein tiefes Glücksgefühl verursachen konnte. Die Studierenden wurden nun gebeten, in den nächsten Wochen regelmäßig jeweils etwas Spaßiges zu unternehmen (z.B. ein Eis essen, ins Kino gehen, mit Freund*innen feiern) und etwas Altruistisches (z.B. ältere Menschen im Haushalt unterstützen, Kindern Nachhilfeunterricht geben, bei der Essensausgabe für Bedürftige helfen). Als Ergebnis wurde festgehalten, dass die Erinnerungen an die spaßigen Unternehmungen im Vergleich zu den an die menschenfreundlichen Unternehmungen deutlich schneller verblassten. Praktizierte Hilfsbereitschaft oder Menschenfreundlichkeit wird von den meisten Menschen im Gegensatz zu reinen Spaß-Vergnügungen bereits als Belohnung empfunden. Dieses Belohnungsgefühl rührt laut Seligmann daher, dass in einer bestimmten Situation unsere Stärken gefordert werden, um eine Herausforderung zu meistern (S. 29). 

Neben unseren Stärken nennt Seligmann sechs Tugenden, denen insgesamt 24 Charakterstärken zugeordnet werden: Zu Weisheit und Wissen gehören u.a. Kreativität, Neugier und die Liebe zum Lernen. Zum Mut gehören auch Ausdauer und Enthusiasmus. Unter den Aspekt der Menschlichkeit werden Freundlichkeit, Bindungsfähigkeit und soziale Intelligenz genannt. Gerechtigkeit beinhaltet auch Teamfähigkeit und Führungsqualitäten. Mit Mäßigung sind unter anderem Selbstbeherrschung/-regulation und Bescheidenheit gemeint. Die sechste Tugend ist die Transzendenz, unter die auch der Sinn für das Schöne fällt sowie Humor, Hoffnung und Dankbarkeit. Eine detaillierte Übersicht über die 6 Tugenden und 24 Stärken ist hier zu finden. 

Dr. J.-M. Wolters benennt in seinem Buch "Budo-Pädagogik - Kampfkunst in Erziehung, Therapie und Coaching" sechs Wesenselemente des Budo: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Schauen wir uns nun an, ob sich Schönheit und Glück auch in diesen Wesensmerkmalen finden lassen. 

Bu bezeichnet den Kampf, die kämpferischen, energetischen Elemente von Kampfkünsten. Hier sind die oben als schön beschriebenen, kraftvollen Bewegungen einzuordnen. Es wird Energie freigesetzt, kanalisiert und wenn Bu im Flow gelebt wird, kann auch Glück empfunden werden. 

Do ist der Weg - die persönliche Weiterentwicklung im Budo, im Karate. Hier kann durch das Erreichen gesetzter Ziele immer wieder Glück empfunden werden! Dieses reproduzierbare Glücksgefühl kann auf lange Sicht zu tiefer Zufriedenheit und Lebensfreude führen! Auf dem Do müssen unsere Fähigkeiten immer weiter verbessert werden, es müssen Schwierigkeiten überwunden, Tugenden angeeignet werden. Das hier empfundene Glück geht weit über kurze Spaß-Freuden hinaus und wirkt nachhaltig. 

Das Dojo kann einmal der Raum sein, für den alle Karateka einer Gruppe verantwortlich sind. Die hier geschaffene, schöne Atmosphäre und Ruhe, Ordnung und Reinheit kann zufrieden machen. Der Ort wird bestenfalls zu einem sicheren Ort, an dem sich die Karateka geborgen fühlen. Denn Dojo bezeichnet auch die Gemeinschaft der Übenden, die nach Wolters eine "Gemeinschaft Gleichgesinnter" ist. Hier wird Menschlichkeit, wird Zusammenhalt erlebt und ein (fast) familiärer Charakter wirkt sich unterstützend auf die Übenden aus. 

Reigi - die oft in eher sportlich orientierten Dojos als lästig empfundenen Etikette-Elemente - bergen großes Schönheits- und Glückspotenzial! Durch wiederholte Gesten der Dankbarkeit und des Respekts (z.B. das Verneigen am Dojo-Eingang oder gegenüber Übungspartner*innen) kann langfristig tatsächlich Dankbarkeit und Zuneigung empfunden werden. Die Achtsamkeit, die zum Einhalten der strengen Regeln Rituale und Routinen, zum Befolgen der Rollen-Aufgaben aufgewandt werden muss, überträgt sich mittel- bis langfristig auf den Alltag und wirkt sich auch dort positiv und tugendhaft im Sinne der Glücksformel von Seligmann aus. 

Unter Shitei wird die enge Beziehung zwischen einem Budo-Lehrer/einer Budo-Lehrerin und den Schüler*innen verstanden. Hier kommt der Aspekt der Menschlichkeit nach Seligmann zum Tragen, denn es werden gegenseitiger Respekt gefordert, Freundlichkeit sowie Bindungsfähigkeit im Sinne von Loyalität und Wohlwollen. Die oder der Sensei sollte zudem über Führungsqualitäten verfügen, die Schüler*innen über Teamfähigkeit - beides bei Seligmann unter der Tugend Gerechtigkeit zu finden. 

Bei dem Zen-Aspekt hat man vermutlich zunächst die eine Übungsstunde einrahmende Kurz-Meditation vor Augen. Das Wesenselement Zen bedeutet nach Wolters aber weit mehr und beinhaltet alle spirituellen Aspekte des Budo/des Karate, also auch die Achtsamkeit, den Respekt, das Bemühen. Zum glücksstiftenden Aspekt der Zazen-Meditation finden sich im Buch "Glücksorgan Gehirn" von Gabriele Rossbach noch interessante Fakten: Die Autorin singt nämlich ein wahres Loblied auf die Mediation! Die Effekte von Achtsamkeitsübungen und Meditation auf das Gehirn wurden mittels Magnetresonanztomographie untersucht und man stellte ganz Erstaunliches fest: Menschen, die regelmäßig meditieren, verfügen nicht nur über "mehr graue Zellen" als Vergleichsgruppen, sondern das Gehirn wächst insgesamt und das Denkvermögen wird gesteigert (S. 189 ff). Aber durch Meditation werden wir nicht nur schlauer - sondern erwiesenermaßen auch heiterer, zufriedener! Meditation wirkt zudem stressreduzierend und antidepressiv (S. 197 f). 

Karate scheint demnach offenbar doch für mehr zu reichen, als nur "für ein kleines Glück", lieber Risto Sensei :-) Und es gibt daher viele Gründe, möglichst lange auf dem "Do" zu bleiben und viel Schönheit, viele glücksstiftende Momente zu erleben, um anschließend mit mehr Leichtigkeit und Freude den Alltag zu meistern. 

Osu,

Andrea Haeusler


Martin E. P. Seligmann "Der Glücks-Faktor - warum Optimisten länger leben", Bastei-Lübbe-Verlag, 2002

Mihály Csíkszentmihályi "Flow - der Weg zum Glück - der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie" Freiburg im Breisgau Verlag Herder, 2014

Prof. Dr. Hubertus Busche "Kultur - ein Wort, viele Begriffe" Springer Fachmedien, Wiesbaden, 2018

Dr. J.-M. Wolters, Budo-Pädagogik - Kampfkunst in Erziehung, Therapie und Coaching", Ziel Verlag, 2008


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