Kampfkunst und Kampfsport - sie scheinen sich zu fliehen

... und haben sich - eh' man es denkt - gefunden. 

In diesem Artikel geht es - frei nach J. W. Goethe - um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Kampfkunst und Kampfsport. Und um die Frage, ob Kampfsport auch unter den Begriff "Budo" eingeordnet werden kann. 

Vorneweg schildere ich eine Diskussion aus meiner Ausbildung zur Budopädagogin: Gleich im ersten Modul sollten wir in Zweiergruppen genau das oben genannte Thema bearbeiten: Zunächst ging es darum, Unterschiede zwischen Kampfkunst und Kampfsport zu sammeln. Hier fielen meinem Partner und mir zahlreiche Aspekte ein! Nach einer bestätigenden Auswertung sollten wir dann Gemeinsamkeiten zwischen Kampfkunst und Kampfsport suchen. Auch hier waren wir kreativ und brachten viele Aspekte zusammen - wenn auch deutlich mehr diskutiert wurde. Die nachfolgende Auswertung war verstörend: All unsere aufgeführten Gemeinsamkeiten wurden gestrichen! Es gäbe keine Gemeinsamkeiten. Null. Nichts. Ich war verwirrt. Das entsprach nun überhaupt nicht meiner Wahrnehmung des Karate in den vergangenen knapp 40 Jahren! Gemeinsam mit dem Dozenten stellten wir dann eine Gegenüberstellung zusammen: 

Übersicht: Vergleich Kampfkunst - Kampfsport, eigene Darstellung

Auch über ein Jahr nach Erstellen der Übersicht und nach Durchleben der gesamten Ausbildung, die mir inhaltlich ansonsten viele bereichernde Aspekte bescherte, löst der Anblick des Vergleichs noch Widerstand in mir aus. In der Ausbildung wurden abweichende Meinungen nicht geduldet und auch in der Literatur des Ausbildungsleiters gibt es keinerlei Spielraum: Kampfkunst und Kampfsport sind unvereinbar. Es gibt keine Gemeinsamkeiten. Kampfsport hat mit Budo nichts zu tun. Punkt. 

Verstörung, um aus alten Denkmustern auszubrechen, ist im Budo ja eine gängige didaktische Methode. Bei mir wollte sie aber in diesem Fall nicht funktionieren. Zumindest nicht in die Richtung der offenbar gewünschten Erkenntnis. Was die Verstörung allerdings bewirkt hat, ist der Umstand, dass ich mich gedanklich immer wieder mit dem Thema "Kampfkunst vs. Kampfsport" bzw. "Kampfsport kann nicht Budo sein" beschäftigt habe. Glücklicherweise stieß ich unter anderem auf die Literatur von Martin Gleiß ("Budo als Erziehungs- und Bildungskonzept", Logos Verlag Berlin) und David Bender ("Sport, Kunst oder Spiritualität? - Eine ethnografische Fallstudie zur Rezeption japanischer budo-Disziplinen in Deutschland", Waxmann Verlag Münster). 

Wolters erklärt beispielsweise in seinem Buch "Budo Pädagogik - Das erzieherische Wesen der Kampfkünste und budopädagogische Perspektiven"in Bezug auf Kampfsport und Kampfkunst, dass beide "rein gar nichts mehr miteinander zu tun haben" (S. 10). Diese Darstellung ist mir schlichtweg zu sehr schwarz-weiß gedacht und nicht wissenschaftlich. Einverstanden erklären kann ich mich hingegen mit der Unterscheidung, dass es beim Budo primär um die Erlangung spiritueller Einsicht, Weisheit und menschlicher Reife geht und "nicht nur (um) die Erlangung von technischer Perfektion als messbaren Erfolg rein äußerer Meisterschaft" (S. 12). So dargestellt darf es neben allen Unterschieden ja doch Schnittmengen geben. Es dürfte unbestritten sein, dass es Erscheinungsformen von Kampfsport gibt, die sich vom Budo-Gedanken sehr weit wegbewegt haben: Dojos, die für besonders hohe Mitgliedbeiträge schnellen persönlichen Erfolg garantieren; Kader-Mitglieder, die bei Fortbildungsveranstaltungen nur an den Kader-Trainings teilnehmen und den Senseis der weiteren Lehrgangsangebote nicht den gebotenen Respekt erweisen; Kamfsportler, deren Dogi mit Werbung "zugepflastert" sind etc. pp. Statt aber zu sagen, dass es - analog zum Issho-Prinzip (ganz oder gar nicht) - nur "Budo oder Nicht-Budo" geben kann, sollte hier m.E. feiner differenziert werden. 

Wolters hat tatsächlich als erster eine gelungene und systematische Definition des Budo-Begriffs formuliert. Damit sich etwas Budo nennen darf, müssen alle sechs Wesenselemente des Budo vorhanden sein, die Wolters wie folgt definiert: 

Bu = das Kämpfen
Do = der Weg
Dojo = ein geschützter Ort, an dem der Weg geübt wird
Reigi = die Etikette
Shitei = Beziehung zwischen Lehrer*in- und Schüler*in 
Zen = Spiritualität 

Es müssen demnach alle Elemente in einer Situation vertreten sein, um den "Budo-Status" zu erlangen. Meiner Meinung nach können die Elemente aber durchaus mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. So wird es auch in Bezug auf den von Wolters entwickelten Erlebnispädagogik-Bereich "Budopädagogik" verstanden.

Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine. So schreibt der Aikidoka Martin Gleiß in seinem Buch "Budo als Erziehungs- und Bildungskonzept am Beispiel der japanischen Kampfkunst Aikido" (Logos Verlag Berlin, S. 9), dass eine Kampfkunst sich dann Budo nennen kann, wenn sie "über einen sportiven Aspekt hinaus auch die persönliche Weiterentwicklung des menschlichen Charakters im Laufe des Trainings fokussiert". Gleiß beschreibt den Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport "anhand eines progressiven und prozessorientierten Erklärungsmodells" (S. 9). Menschen, die z.B. Karate ausschließlich im Sinne des Kampfsports betreiben, sind nicht daran interessiert, möglichst viele Techniken möglichst perfekt zu lernen oder Hintergründe zu studieren. Sie möchten eher zielgerichtet ein erfolgsversprechendes, limitiertes Technikrepertoire erlernen, mit denen Meister*innenschaften gewonnen und Titel errungen werden. Durch den Fokus auf das Erreichen von Zielen (dies können neben Wettkampferfolgen z.B. auch Graduierungen sein), definiert sich der Prozess eher als Kampfsport. Sobald die Persönlichkeitsentwicklung und die Auseinandersetzung mit philosophischen Hintergründen einer Kampfkunst dazu kommen, kann eine "Disziplin zur einer Kampfkunst werden" (S. 10). Demnach muss eine Kampfkunst also nicht frei von jedem Wettkampfgedanken oder sportiven Aspekten sein. "Die progressive Betrachtung schließt auch diese Aspekte mit ein und zeigt, dass der Sport ein Teil der Kunst ist" (S. 10). Erfahrungsgemäß macht die Wettkampfphase für die meisten Menschen, die eine Kampfkunst betreiben, ohnehin nur eine kurze Strecke ihres Do aus. 

Wer ernsthaft eine Kampfkunst betreibt, muss meiner Ansicht nach daher nicht aus ideologischen Gründen per se auf Wettkämpfe verzichten. Sein Üben sollte nur weit darüber hinaus gehen. Und es sollten auch in der Vorbereitung auf Wettkämpfe und möglichst auch auf der Kampffläche die Budo-Aspekte beachtet werden: Der (Wett)Kampf muss ernsthaft und uneitel erfolgen, eine Kata wie ein Kampf ausgeführt werden - ohne übertriebene und effektheischende Gesten. Auch bei Wettkämpfen sollte optimalerweise neben dem Ziel, zu siegen die persönliche Weiterentwicklung im Vordergrund stehen ("Meine Kata war viel kraftvoller als beim letzten Wettkampf." "Ich habe weniger Angst gehabt, im Kumite zu starten." etc.). Die Etikette darf auch in der Vorbereitung auf und bei der Durchführung des Wettkampfes nicht vernachlässigt werden: Verneigungen dürfen nicht zu einem knappen Nicken verkommen. Nach einem Sieg ist ein lautstarker Freudenausbruch ebenso zu unterlassen wie das Zeigen von Frust bei einer Niederlage. Sensei und Schüler*in sollten auch in einer Wettkampfvorbereitung und an der Kampffläche eng zusammenarbeiten, die Schülerin/der Schüler sollte auf die oder den Sensei vertrauen. Kein gelebtes Shitei wäre es z.B., wenn ein Karateka nach einem verlorenen Wettkampf das Dojo wechselt, um mit einem neuen Trainer größere Erfolge einzuheimsen. Oder anders herum: Kein Shitei ist es, wenn ein Trainer einen Schüler/eine Schülerin aus dem Dojo wirft, nachdem ein Kampf verloren wurde. Zen kann durch Achtsamkeit, Emotionsregulierung, Verbundenheit und gemäßigtes Verhalten auch in sportlicher orientierten Übungsphasen gelebt werden. 

Es ist ganz unbestritten, dass sportliche Wettkämpfe, wie wir sie heute kennen, im japanischen Mittelalter, als die Entwicklung der Budo-Künste ihre Hoch-Zeit erlebte, so nicht vorkamen. Mit der zunehmenden Verbreitung japanischer Kampfkünste wurden jedoch Möglichkeiten entwickelt, sich miteinander zu messen und in Gruppen miteinander zu üben. Es mussten Regelwerke und Bewertungskriterien entwickelt werden, um Leistungen vergleichbar zu machen. Viele Kampfkünste erfuhren auch Wandlungen und Vermischungen, so dass sie im Laufe der Zeit größere Anforderungen an die Athletik stellten (z.B. Vermischung der ursprünglichen französischen Fechtkunst Savate mit dem Boxen und später mit dem Karate Do aus Okinawa). Wer hohe Fußtritte im Karate liebt, sollte wissen, dass diese nicht okinawanischen Ursprungs sind, sondern erst in moderneren Karate-Formen hinzu kamen. Schließlich sei noch angemerkt, dass auch die großen Karatemeister des 21. Jahrhunderts, Funakoshi Shihan und Nakayama Shihan über die Sinnhaftigkeit von Wettkämpfen stritten. Letztlich hatte sich der in den 1950er Jahren gegründete Verband JKA für die Wettkampforientierung entschieden, um Karate weltweit zu verbreiten. Wir alle hier in Deutschland hätten vermutlich Karate ohne diese Öffnung niemals kennenlernen können. Daher sollte m. E. immer wieder versucht werden, Tradition und Moderne, Kunst und Sport, Athletik und Spiritualität nebeneinander existieren zu lassen.  Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass neben den sportlichen Aspekten die Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund steht - und dass nach Möglichkeit alle Budo-Wesenselemente integriert werden. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

"Mach's mir schwer - dann nehm' ichs leichter!" - Mögliche Auswirkungen auf die Ausbildung der Resilienz bei Kindern und Jugendlichen

Schönheit und Glück im Karate